Hatred – eine Prüfung

 

Schon der Trailer zum Spiel „Harted“ vom Entwickler „Destructive Creations“ provoziert und polarisiert. Ein Mann bewaffnet sich, geht auf die Straße und tötet Menschen. Für Spieletrailer nichts ungewöhnliches, aber „Hatred“ zeigt seine Gewalt ohne Kontext. Darf das sein?

Gewalt ist in Videospielen allgegenwärtig. Wenn ich an meine liebsten Spiele denke, fällt mir kaum eines ein, indem töten keine Rolle spielt. Sie alle stellen ihre Gewalt aber in einem Zusammenhang, in eine Geschichte, geben Gründe dafür oder hinterfragen sie auch – eher selten ehrlich gesagt. In „Harted“ gibt es keinen solchen Gründe. Der Mann geht auf die Straße und fängt an zu schießen. Er läuft Amok, weil er alle Menschen hasst und im Kampf sterben will, so sagt er es selbst.

Destructive Creations provoziert

Nach eigener Aussage möchten sich die Entwickler von „Hatred“ gegen Trends stellen. Sie wollen kein nettes und politisch korrektes Spiel entwickeln. „Love it, or hate it. There’s no in-between!“, sagen sie zur Veröffentlichung des Trailers auf ihrer Facebook-Seite. Sie wollen provozieren und Aufmerksamkeit erregen. Wahrscheinlich ist es auch kein Zufall, dass der Trailer nur Tage nachdem eine Veranstaltung der bekannten Medienkritikerin Anita Sarkeesian wegen einer Amoklaufdrohung abgesagt werden musste, veröffentlicht wurde. Auch der lange schwarze Mantel des Antagonisten im Trailer erinnert an einen realen Amoklauf, den zwei Jugendliche in einer Highschool verübten.

Brauchen Spiele Kontext oder reicht der Spaß an der Sache?

Der Trailer zeigt auch die Spielmechanik. Man steuert den Amokläufer von oben aus der sogenannten ISO-Perspektive. Ein Spielprinzip, dass aus zahlreichen anderen Spielen bekannt ist – „Hotline Miami“ zum Beispiel. In „Hotline Miami“ spielt man einen Killer oder so, der Aufträge annimmt und Masken trägt. So genau weiß ich das nicht mehr. War mir auch egal. „Hotline Miami“ machte Spaß.

Normal bin ich ein Freund von Videospielen, die mir eine interessante Geschichte erzählen und mich dazu bringen Tatsachen zu hinterfragen. Um so mehr hat mich beim Nachdenken über den Hatred-Trailer irritiert, dass mir Kontext manchmal auch egal ist. Ich liebe das Weltkriegsdrama „Valiant Hearts“ genauso wie „Hotline Miami“. Der Vergleich von „Hotline Miami“ und „Hatred“ zeigt wie schmal der Grat zwischen reflektierter Gewalt und kontextlosem Töten ist. Wo ist die Grenze von Kontext und moralisch tolerierter Gewalt und sinnlosem Geballer? Darf ich als moralisch anspruchsvoller Spieler Zombies abschlachten oder in „Civilization“ ganze Völker ausrotten? Eine Frage, deren erschöpfende Antwort Jahre dauern würde.

Eine Prüfung für die Gamebranche

„Hatred“ sollte man vielleicht nicht als Provokation, sondern auch als Prüfung sehen. Für die Gamer-Gemeinde, die sich oft missverstanden fühlt, sich deshalb abschottet und kaum zum Diskutieren fähig scheint. Wie wird sie damit umgehen? „Hatred“ verteidigen, auf die „Mainstream-Presse“ schimpfen und sich distanzieren? Lässt es die Gamer kalt? Wie wird sich „Hatred“ verkaufen? Je besser das Spiel verkauft wird, desto wahrscheinlicher werden wir in Zukunft weiterer solcher Spiele ertragen müssen.

Wie wird die Fachpresse reagieren? Das Spiel totschweigen oder mit meinungsstarken Artikeln und Videos antworten. Werden sie das Spiel testen?

„Hatred“ wird auch eine Prüfung für Bewertungssysteme von Magazinen sein. Darf man dieses Spiel in seine Bestandteile zerlegen und dem Spielspass eine Top-Bewertung geben, der Story aber nicht. Wäre also folgende Bewertung für ein Amoklaufspiel legitim: „Dünne Story aber extrem spassiges Gameplay?“ (Das erinnert mich stark an Tests zum Kritikerliebling „Mittelerde: Mordors Schatten“. Wo das Töten von Orks nicht hinterfragt wird.)

Sollte die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien „Hatred“ indizieren oder reicht in einer aufgeklärten Gesellschaft eine USK-18-Plakette? Ein indiziertes „Hatred“ würde vielleicht zum Kult werden. Der Reiz des verbotenen ist gerade bei solchen Spielen besonders groß.

Fragen über Fragen und keine Antworten. Ich würde gerne über das Thema diskutieren.

  2 comments for “Hatred – eine Prüfung

  1. kail jürgen
    20. Oktober 2014 at 13:08

    Hier noch mein Senf zu der ganzen Hysterie:

    Ich denke vor allem bei Videospielen sollte es im Gegenteil endlich einmal aufgehört werden derlei Vorstellungen als “gut”, “besser” oder “korrekt” zu bezeichnen, denn damit wird ihnen ein Stück weit immer zugestimmt.

    Die Anzahl dezidiert amoralischer oder ungehindert libertiner Videospiele im eindeutig
    kommerziellen Bereich lässt sich an einer Hand abzählen: spontan fallen mir neben “Carmageddon” lediglich und “Lucius” ein, wobei Letzteres auch nur in Filmgenre-Konventionen verpackt ist.
    Selbst “Postal” oder “Manhunt” könnte ich wegen ihrer teils widersprüchlichen Narrationen guten Gewissens nicht dazuzählen – während sexuelle Gewalt sowieso tabuisiert wird. Und politisch menschenverachtende Spiele wie “Ethnic Cleansing” hat es daneben schon immer gegeben.
    Gerade in “Hitman” wird sogar sehr viel Gewalt, zuletzt auch “Rache” (etwa im Verhältnis zu Agent 47′ Klon”schwester” Victoria und den eigenen Vorgesetzten), (doppel)moralisch begründet… Das Problem ist eher, dass sich über Videospielinhalte so eigentlich gar nicht unterhalten werden will, um bei “Videospiele für alle” einem Publikum zu gefallen das damit nicht “gespoilert” werden möchte.
    Stattdessen empören sich Presse und KommentatorInnen im öffentlichen Raum breitenwirksam viel lieber über allein Oberflächen, skandalisieren Sexualitäten die vielleicht auch nur ansatzweise nicht in ihr Weltbild passen, interpretieren politische Inhalte wie es ihnen dahingehend gerade passt, oder mokieren sich über die eine oder andere Körper/Gewaltdarstellung.’

    • Philipp Riedl
      20. Oktober 2014 at 18:13

      Danke für deinen Kommentar.

      Grundsätzlich finde ich es immer gut, wenn man über Spiele diskutiert. Die Spoiler-Hysterie ist in dieser Situation natürlich hinderlich. Spielebesprechungen gibt es def. zu wenige, da es immer jemand gibt, der das Spiel noch nicht gesehen oder gespielt hat.

      Vielleicht zeigt sich auch, dass „Hatred“ gar nicht so kontextlos ist, wie es jetzt vielleicht scheint. Außerdem reicht ja meistens ein minimaler Hinweis oder der Ansatz einer Geschichte und ein Großteil der Spieler sieht kein Problem mehr. (siehe Hotline Miami)

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